Sinneswelten · Archiv
Wieso reisst der das Maul nicht auf? (Teil 2)
Geschrieben am . Archivtext, unverändert übernommen – Angaben, Preise und Links spiegeln den damaligen Stand.
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Herr S. stand die ganze Zeit dabei und schaut in sein Glas. Möchte nicht wissen, was in seinem Kopf vorging, er war dann kurze Zeit später weg, zumindest hat er sich noch mal nachschenken lassen. Um den mache mir erstmal nur wenig Sorgen.
Glücklicherweise hatte Frau G. selbst noch einen Wein mitgebracht, einen Cuvée mit Schwerpunkt Sauvignon Blanc, den Jakobi vom Weingut Gross. Schöne Cassisnote und kräftiger Körper, genau das, was ihr gefällt. Sie musste also nicht den ungeliebten Silvaner trinken.
Ich mach mich derweil an Kartoffeln, Spargel und Hollandaise. Heute klappts auch mit der Hollandaise und ich muss keine Semmelbrösel in die mit Eigelbflocken durchzogene Butter geben, um die misslungene Sosse zu kaschieren. Nach einer halben Stunde setzen wir uns an den Balkontisch und verspeisen zufrieden den Spargel. Ich trinke tapfer meinen Silvaner während Frau R. sich an einem Cremant (Grand C blanc) ergötzt.
Aber schon während des Essens nagt es in mir. Wie konnte das passieren? Hab ich denn tatsächlich einen Schrottwein gekauft? Mir schmeckt er doch, oder mach ich mir was vor? Ist es, weil ich nicht glauben kann, dass ein Nachfolgejahrgang so anders ist? Und natürlich erinnere ich mich an die Verkostung vor zwei Tagen, als ich den Wein als schwach-wenn-warm bezeichnet habe. Da hätt ich doch nachhaken müssen!
Hätte ich, aber bringt ja alles nichts. Die Katze ist in den Brunnen gefallen und das Kind im Sack und jetzt hilft nur noch, die Dinge ins richtige Licht zu rücken und das schafft am Ehesten ein Weinvergleich. Zwei weitere Silvaner müssen her, ein höherpreisiger so um die 10 Euro aber immer noch im Gutsweinbereich und einen teuren Supermarktwein für überdurchschnittliche 3,99.
Für den teuereren Gutswein gehe ich zu Planet Wein in die Charlottenstrasse, eigentlich gleich um die Ecke, aber wenn man so oft wie ich in die Markthalle Neun geht, mit Weinhandlung Suff direkt neben der Tapas Bar, eben auch sehr weit weg. Anja Schröder berät mich ausgesprochen kompetent, nicht was den Silvaner angeht, denn da gibt es nur zwei zur Auswahl und demzufolge wenig Beratungsbedarf (welcher ist körperreicher? Der da? Den nehm ich), sondern als es um den Wein nach Tisch geht, wo ich Frau R. einen schönen weichen Südamerikaner mitbringen wollte. Ich dachte zuerst an einen chilenischen Carménère, aber sie konnte mich überzeugen, dass der Malbec vom Weingut Colomé aus der Provinz Zalta in Argentinien, das die angeblich höchstgelegenen Weinstöcke der Welt bewirtschaftet, viel besser geeignet wäre, da er trotz der 90 Parkerpunkte nicht marmeladig schmecken würde.
Dabei hat sie mir die Geschichte erzählt, wie die Menschen dort in einer Genossenschaft, abgeschottet vom Rest Argentiniens leben würden und… oh ich schweife ab. Das müsst Ihr sie beim nächsten Besuch mal selber erzählen lassen.
Frau R. bringt einen Wolfsbarsch mit und ich schneide ein paar Kartoffeln und Möhren klein, lege sie zusammen mit frischem Rosmarin und Zitronenthymian auf das Backblech, grobes Meersalz drüber, kräftig Olivenöl und erst einmal ab in den Ofen. Noch kurz den Wolfsbarsch schuppen und ausnehmen, ziselieren und die Schnitte mit Knoblauch füllen, den Bauch pfeffern und salzen und eine halbe in Scheiben geschnittene Zitrone einfüllen. Wenn die Kartoffeln halb fertig sind, den Fisch auf das Gemüsebett legen und ab geht’s zum Weinvergleich. Frau R. verkostet wieder blind, während ich mich zurückhalten muss, nicht nach Etikett zu trinken.

Mit von der Partie sind:
Der Weinschmecker Silvaner, Winzergenossenschaft Franken, 2011
Kaisers, Berlin, € 3,99
**Grüner Silvaner trocken, Weingut Scultetus-Brüssel, 2012
**ab Hof in Bechtheim, € 4,50
**Silvaner Kabinett, Volkacher, Weingut Zur Schwane, 2011
**Planet Wein, Berlin, € 10
Im ersten Flight Weinschmecker gegen Grüner Silvaner
In der Farbe unterscheiden die beiden sich deutlich, der Weinschmecker ist gelblicher, wohingegen der Grüne Silvaner heller und weißlicher ist. In der Nase gehen die Meinungen auseinander. Auf der einen Seite wird der Weinschmecker als schwächer duftend, der Brüssel-Wein als leicht muffig, bananiger empfunden, auf der anderen Seite wird der Weinschmecker als gelbfruchtiger und der Brüssel-Wein als weißfruchtiger beschrieben. Im Mund kann kein großer Unterschied bemerkt werden, ein Verkoster bezeichnet den Weinschmecker als voller/kräftiger und den Brüsselwein als mineralischer mit längerem Nachhall. Insgesamt gefällt der Scultetus-Brüssel besser, beide werden aber auch als langweilig und nichtssagend beschrieben.
Als nächstes stehen sich Weinschmecker und Zur Schwane gegenüber
Auch hier deutliche Unterschiede in der Farbe. Der Weinschmecker, wie schon im vorigen Flight gelber/goldener, der Schwane heller und grünlicher. In der Nase wird der Zur Schwane als intensiver und als fein-/zartfruchtiger der Weinschmecker als langweiliger und gelbfruchtiger bezeichnet. Hier wird der zur Schwane als deutlich besser empfunden.
Im dritten und letzten Flight der Vergleich zwischen Scultetus-Brüssel und Zur Schwane
Die Farbe wird als heller/weißlicher beim Brüssel und goldener/gelber/grünlicher beim Zur Schwane gesehen. In Nase und Mund gibt es wieder unterschiedliche Auffassungen, der Brüssel wird einerseits bananiger, andererseits weißfruchtiger gerochen. Beim Zur Schwane geht die Nase von nichtssagender bis gelbfruchtiger. Im Mund war für den einen Verkoster der Brüssel voller, während der Andere den Zur Schwane als voller/körperreicher bezeichnet. Hier wird der Zur Schwane auch als schwefliger, ausgewogener und mineralischer beschrieben.
Die Nase vorn hatte trotz der insgesamt müden Vorstellung der Zur Schwane.
Fazit:
Der Zur Schwane ging nicht wirklich unerwartet als Sieger vom Platz. Ehrlich gesagt, alles andere wäre peinlich. Gut behauptet hat sich aber der Brüssel der eindeutig besser war als der Supermarktwein. Wir haben hinterher noch gerätselt woran das liegt. Schließlich wurde der Supermarktwein ja als gelbfruchtiger und insgesamt voller bezeichnet. Aber bei genauerem Schnüffeln konnte man riechen, dass das Aroma fertig war, abgeschlossen, gerundet. Beim Scultetus-Brüssel hingegen war das Aroma zwar nicht intensiv, dafür spürte man ein Potenzial, dass weitaus größer war. Und dazu passte auch das insgesamt schlanke, leichte Auftreten und die Mineralik.
Bei der Nachprobe 2 Tage später hat sich das auch bestätigt. Die Nase des Scultetus-Brüssel war deutlich intensiver und selbst im Mund wirkte er jetzt voller, während der Supermarktwein schon die Segel gestrichen hatte. Und Janine Brüssel hat mir auf Nachfrage erzählt, dass der 2011 im ersten Jahr auch so verschlossen gewesen ist. Außerdem habe der 2012er weniger Säure und Restzucker und wirke deshalb etwas leichter im Mund. Sie sei auf alle Fälle froh, in diesem Fruchtbombenjahr auch einen schlankeren, leichteren Wein zu haben. Ich jedenfalls leg die restlichen Pullen erstmal in den Keller. Dann hab ich schonmal was für die nächste Spargelsaison. Und wenn der nächste Wein hier sein Maul nicht aufreissen will und mir sagen was er so alles drauf hat, dann lass ich ihn gleich in Ruhe im Keller schmoren.

Das Maul aufgerissen hatte dann der Wolfsbarsch und wir konnten uns endlich über ihn hermachen. Der hat wirklich vorzüglich geschmeckt. Leider passten weder die Silvaner, die konnten nicht gegen den Knoblauch anstinken, noch der Malbec, der mit seinen zwar weichen und dezenten aber trotzdem vorhandenen Tanninen den Fisch komplett erschlägt. Hinterher, so als Couchwein, hat er mir dafür umso besser geschmeckt. Ich muss aber auch erwähnen, dass Frau R. das mit den Tanninen und dem Fisch nicht so gesehen hat. Soll einer noch mal sagen nur Männer würden Gerbstoffe mit Eiweiß lieben.
