Zum Inhalt
gustumasEs geht ums Verkosten

Gustumado

Terroir – Lage – Cru, ja wat denn nu?

Was eine große Lage ist, was der Winzer daraus macht – und was das beim Aussuchen hilft

Im Spätsommer 2013 wurde in den Weinforen und -blogs das Thema Lage wieder einmal heiß diskutiert. Auslöser waren das Experiment Wurzelwerk und die alljährliche Tournee der besten Weine des VDP.

Die besten Weine der VDP-Winzer

Die heißen Große Gewächse: trocken ausgebaute Weine aus einer VDP.Großen Lage, erzeugt von einem VDP-Winzer mit höchstens 50 Hektolitern Ertrag pro Hektar. Weißweine dürfen frühestens am 1. September des Jahres nach der Lese verkauft werden, Rotweine erst ein Jahr später. Im Rheingau gab es dafür lange die Bezeichnung Erstes Gewächs – ebenfalls aus klassifizierten Lagen und mit den gleichen Auflagen. Das nur zur Verwirrung. Zentrales Vermarktungsinstrument ist auch hier die Lage.

Und immer um den 1. September zieht der VDP-Tross durch die Lande und stellt eben diese Großen Gewächse aus allen Rebsorten dem Fachpublikum vor – damals rund 400 Weine.

Wurzelwerk: 3 Weingüter, 3 Lagen, 9 Weine

Beim Experiment Wurzelwerk haben vier Winzer von drei Weingütern – von Hövel von der Saar, Gunderloch aus Rheinhessen und Jurtschitsch aus dem Kamptal – einen Teil der Ernte aus ihrer besten Lage gedrittelt und je ein Drittel den beiden anderen zur Verarbeitung gegeben. Alle Moste wurden spontan vergoren und so vergleichbar wie möglich (im Edelstahl) ausgebaut. Ausführliche Berichte zu dem Experiment gab es beim Schnutentunker und im Blog drunkenmonday, dessen Macher die Berliner Präsentation in der Weinbar Rutz organisiert hatten. Im Weinforum berichtete berlinkitchen, mit sehr, sehr vielen interessanten Diskussionsbeiträgen.

Ich hatte das Glück, einen Tag später in der Weinbar Rutz die Weine einer Lage probieren zu dürfen, und habe mich für den Scharzhofberg entschieden, der auf den Etiketten als Schatzberg bezeichnet wird. Ohne jetzt viel über die drei Weine zu sagen und darüber, welcher mir am meisten zugesagt hat – eins kann ich klar sagen: Sie haben sich sowohl in der Nase als auch im Mund deutlich unterschieden.

Felix Bodmann (Schnutentunker) schrieb in Blog und Forum, dass auch die Lage zu unterscheiden sei und er lagentypische Aromen wahrgenommen habe. Und auch andere Diskussionsteilnehmer sagten, dass sie Lagen, die sie viele Jahre lang verkostet hätten, blind voneinander unterscheiden könnten.

Wie kommt es zur Abgrenzung von Lagen? Und was macht das Terroir dabei?

Das Konzept Terroir wurde in Frankreich zu dem Zeitpunkt wichtig, als die Herkunftsbezeichnungen gesetzlich geregelt wurden – vom Gesetz zum Schutz der Herkunftsbezeichnungen 1919 bis zu den Appellations d’origine contrôlée ab 1935. In der Diskussion über die Klassifikation von Weingebieten, Lagen und Weingütern fasste der Begriff alle Kriterien zusammen, die nötig sind, um Gebiete voneinander abzugrenzen. Dazu gehören neben geologischen auch makro-, meso- und mikroklimatische Bedingungen. In die Definition der neuen Appellationen flossen aber auch die erlaubten Rebsorten und weinbautechnische Kriterien ein, etwa der Höchstertrag, erlaubte oder verbotene Säuerung, Chaptalisierung und so weiter. Jede Appellation hat dabei ihr eigenes Terroir definiert.

Beim Cru – der Lage, dem Gewächs – ging es bei der Abgrenzung um die Qualität des Weins, nicht um seine Charakteristik. Lagen, die über Jahre hinweg höherwertigen Wein hervorgebracht haben als ihre Nachbarn, wurden entsprechend höher eingestuft. Lagen, die aufgrund ihres Terroirs qualitativ ähnliche Weine hervorbrachten, wurden gleich eingestuft.

Eine große Lage ist also nichts anderes als ein Stück Weinberg, das über Jahre hinweg besseres Traubenmaterial liefert als seine Nachbarn.

Was macht der Winzer aus dem Potenzial der Lage?

Ich habe zu Studentenzeiten einmal in einem sehr einfachen Restaurant ein Filetsandwich auf der Karte gefunden. Das hat nur 5 Mark gekostet, und ich dachte: „Oh, das probierste mal, das kannste dir mal leisten.“ Es war grauenvoll. Das Filet war trocken und ledrig, die Mayonnaise zu sauer und das Brot nicht genug getoastet. Das Potenzial war da, aber das Material muss auch entsprechend bearbeitet werden.

Das gilt auch und besonders bei der Weinbereitung. Die Lage mag vielleicht „erschmeckbar“ sein, ihr direkter Anteil an Aroma, Körper, Struktur, Ausgewogenheit und so weiter ist jedoch gering. Viel deutlicher zu erkennen ist die Stilistik eines Winzers, die sich aus den durchgeführten und den nicht durchgeführten Maßnahmen ergibt. Eine Lage muss herausgearbeitet werden.

Welche Rolle spielt die Lage beim Einkauf oder bei der Auswahl aus dem Keller?

Aus meiner Sicht als Konsument ist zum Beispiel bei der Wahl eines Weins zum Essen die Lage, auf der er gewachsen ist, nachrangig. Als Erstes frage ich mich, welche Rebsorte am besten passen könnte und wie sie ausgebaut sein sollte. Dann überlege ich, in welchem Anbaugebiet und bei welchem Winzer die Eigenschaften der Rebsorte, die mit dem Essen harmonieren oder es kontrastieren sollen, besonders passend herauskommen.

Danach kann ich im Normalfall mit der Auswahl der Lage die Qualität fein justieren. Dabei müssen Komplexität und Qualität des Weins in direktem Zusammenhang mit Komplexität und Qualität des Essens stehen.

Bei der Auswahl eines Weins für den Abend gehe ich im Prinzip genauso vor. Zuerst wähle ich die Grundcharakteristik des Weins. Dann kommt wieder die Reihenfolge Rebsorte, Anbaugebiet und Winzer, Lage und Qualität.

Wie passt das zusammen?

Gar nicht. Wenn ich wissen will, was Deutschlands beste Weine sind, und mir dann eine Veranstaltung wie die Jahrgangspräsentation der Großen Gewächse anschaue, graust es mir schon bei der Vorstellung, 400 Weine in zwei Tagen verkosten zu müssen. Ich habe es bisher nicht gemacht und kann deshalb nicht darüber reden, aber das übersteigt sicher alle meine Kapazitäten und verdirbt mir den Spaß am Verkosten.

Dazu kommt, dass es sicherlich doppelt so viele Weine gibt, deren Trauben aus diesen Lagen stammen, deren Winzer aber nicht im VDP sind. Wenn ich als Konsument die Botschaft „Die Lage ist alles, der Winzer Nebensache“ aufgreife, muss ich die auch noch in meine Überlegungen einbeziehen.

Ich wünsche mir ein System, mit dem ich auf einen Blick die zehn besten Rieslingwinzer Deutschlands finde. Genauso die zehn besten Silvanerwinzer und so weiter. Unter den zehn finde ich mit Sicherheit die zwei oder drei, deren Weine mir am besten schmecken. Und wenn die ihre Weine dann höchstpreisig vermarkten, auch recht. Dann abgestuft immer größere Gruppen von Winzern, die ihre Weine in den entsprechenden Preiszonen vermarkten können.

Das würde das Pferd von vorn aufzäumen und könnte durchaus den Markt für Qualitätswein vergrößern. Und davon würden wir alle profitieren.

Dieser Text ist eine Überarbeitung des Archivbeitrags: