Zwischengang

Eigentlich wollte ich hier schon über den Weinvergleich reden, wie im letzten Beitrag angekündigt, und wieso er die einzig sinnvolle Möglichkeit ist, Weine in ein nachvollziehbares System zu packen. Aber heute morgen, noch vor dem Aufstehen, hatte mich plötzlich der Zweifel am Schlafittchen. Ist das wirklich so? Kann es nicht auch so sein, dass Wein gar nicht rational erfassbar ist? Dass er nur emotional und situativ beschreibbar ist?

Es gibt ja diese elektronischen Nasen. Mit denen können begrenzt Gerüche erfasst werden. Das funktioniert auch prima, wenn man nur wissen will, ob der Wein vom selben Winzer kommt, ob und welche Fehlaromen er hat usw. Mein subjektives Empfinden und daraus folgernd, meine subjektive Bewertung des Aromas (und hier meine ich nur die Nase) kann so ein Gerät aber nie erfassen.

Andersherum betrachtet, ist meine subjektive, emotional und situativ bedingte Geruchsanalyse nur schwer an andere vermittelbar, geschweige denn vergleichbar mit der Analyse die die Anderen machen würden.

Geht der Weinvergleich nicht in die gleiche Richtung? Versucht er auch nur etwas zu überdecken, anstatt der Wahrheit ins Gesicht zu sehen, dass Wein nicht erfassbar ist?

Vielleicht sollte ich einfach nur Weinverkostungen schreiben à la:

„Ich sass auf dem Sofa. Draußen ging gerade die Sonne unter und mischte seine Rottöne unter die hell-rubinfarbenen Reflexe des Crozes-Hermitage 2009 AOC von Michael Chapoutier. Im Hintergrund leise die Brandenburgischen Konzerte, wie gemalt für die vorweihnachtliche Stimmung in der ich mich schon den ganzen Tag befand. Das Glas findet den Weg an meine Nase und ich schrecke kurz zurück vor dem leichten Klebstoffton. Als meine Nase diesen endlich ausfilterte kamen mir Johannisbeere, Pfeffer und Nelke entgegen und umschmeichelten mich mit ihrem wärmenden Duft. Ab in den Mund. Meine Zunge spürt die spitze, kräftige Säure, die Backen werden von einem mittelstarken Tannin gestreichelt. Heruntergeschluckt und gewartet. Nicht zu lange und nach kurzer Zeit bleibt ein salziger Ton, der dann aber noch eine Weile anhält.“

Oder vielleicht so:

„Am Anfang hatte ich den Wittmann Rosé von 2010, der hat mich nicht so in Stimmung gebracht, der war ein bisschen herb. Dann hab ich mir diesen Cremant de Loire da genommen, keine Ahnung wie der hiess, das war fetziger. Nachher, als die Party am Abklingen war, hab ich wieder zum Wittmann gegriffen und da hat‘s plötzlich peng gemacht. Wow, da war das mal ein gutes Stöffchen. Ich war aber auch schon richtig angetütert, kannste glauben.“

Was anderes: Kennt jemand jemanden, der mit mir so eine elektronische Nase mit Liebstöckel, Bockshornklee, Vin Jaune, Haselnuss und Sherry ausprobieren möchte? Und vor allem, der so eine hat oder sie sich leihen kann?

So und hier wieder der Cliffhanger: Was den Weinvergleich so besonders macht erfahrt Ihr im nächsten Artikel.

© Max Bareis 2013