Zwischen Giacometti und Rubens -
Ein Weinwochenende im Wonnegau

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Eigentlich wollte ich ja schon am Freitag nachmittag in Westhofen bei Phillip Wittmann und Katharina Wechsler vorbei fahren, aber dank Sixt bin ich erst um 21:30 im Wonnegau angekommen. Der Wagen war schon im März vorbestellt und im voraus bezahlt. Am Donnerstag habe ich noch von Sixt eine Bestätigung erhalten, dass mein Wagen vorbereitet werden würde und am Schalter selbst hat die Dame auch schon den Schlüssel bereit gelegt, nur um dann festzustellen, dass die Anmietung nicht vollzogen werden kann. 

Der Grund für die Sperrung meines Kontos konnte mir am Schalter nicht genannt werden und auf eine Nachfrage per email bei der Kundenbetreuung wurde noch nicht geantwortet (Außer einer email heute morgen in der stand, dass sie mich zwar nicht vergessen hätten, aber bisher noch nicht antworten könnten, da es zu viele emails gäbe).

Zum Glück, und das war ein unglaublicher Zufall, habe ich bei einer anderen Autovermietung einen Bekannten getroffen, der am Freitag in den Hunsrück fahren wollte und am Sonntag wieder zurück und der auch kein Problem damit hatte, dass ich das Auto am Samstag gebraucht habe. Ich hätte ansonsten wohl kein Auto bekommen und die Reise wäre ausgefallen.

Das hatte aber zur Folge, dass ich am Samstag ein Mammutprogramm an Verkostungen durchziehen musste. Um 10:30 Uhr ging es los, da fuhr ich in den Hof von K. Wechsler. Auftritt Gummistiefel und hinein in die ehemalige Kelterei, die, anfänglich nur mit zwei Edelstahltanks bestückt, inzwischen aus allen Nähten platzt. Der Umzug in den Keller ist schon geplant. 

Kosten durfte ich die Scheurebe, die inzwischen den Cassis-Ton verloren hat, den Gutsriesling und die Lagenweine. Was die Geruchsnoten anbelangt, ist eine Fassprobe etwas für fantasievolle Menschen. Die "verhaltene Nase" kann hier eindrucksvoll studiert werden, die Aromen liegen möglicherweise in Ihrer Vorstufe vor, aber nix genaues weiß man nicht. Im Hintergrund ist eine leichte, helle Fruchtnote zu erahnen.

Was man jedoch schon spürt ist, wie sich der Wein im Mund präsentiert. Und hier ist der Lehrmeister zu erahnen. Die Weine stehen filigran und zerbrechlich im Mund ähnlich einer Statue von Giacometti. Katharina selbst sagt, andere würden sie als lasch bezeichnen, mag sein. Ich finde, wenn man ihnen im Mund Zeit lässt, entwickeln sie jetzt schon ein schönes Eigenleben.

Im Gegensatz dazu stehen die Weine von Phillip Wittmann eher für reife Frucht und durchtrainierte Körper. Da ich noch ein großes Programm vor mir habe und der Riesling eh schon auf dem Einkaufszettel steht, verkoste ich nur die Scheurebe und den Spätburgunder. Die Scheu hat ein sehr intensives Cassis-Aroma, intensiver, als jeder jemals von mir gerochene Katzenpipi-Ton. Wie kann das sein? Müsste nicht die Intensität des Aromas mit zunehmender Konzentration steigen?

Da stellt sich mir die Frage, ob es beim Riechen Geruchs -unterschwellen und -oberschwellen gibt. Soll heißen, ob ich bei x Nanogramm 4MMP anfange, Cassisnoten wahrzunehmen und bei x+y Nanogramm aufhöre und dann bei x+y+z Nanogramm Katzenpipi und bei x+y+z+a Nanogramm aufhöre, um dann in den Stinktierbereich zu gelangen. Vor allem würde mich interessieren, was dazwischen liegt. Kennt denn einer meiner Leser einen Chemiker, der zufällig grade genau daran forscht? Auf dass ich einmal selbst die Erfahrung der steigenden Konzentration machen kann? Kontakt bitte an mich per PN in Facebook oder per email an info.at.derVerkoster.de .

Zurück zu den Wittmann-Weinen. Wie ich schon beim GutsrieslingCup feststellen konnte, haben sowohl der Riesling (Gutswein), als auch die Scheu jetzt schon eine sehr prägnante und klar definierte Fruchtnote, dazu einen ausgewogenen und gut strukturierten mineralischen Körper. Zum Spätburgunder kann ich nur sagen, dass er mir nicht zusagt, zuviel Bitternoten und Würze, mir behagt Spätburgunder nur als saftiger, weicher Wein. Deshalb will ich ihn auch gar nicht bewerten.

Die Einkäufe ins Auto gepackt und zurück nach Bechtheim zum Weingut Weinreich. Marc Weinreich, dessen Schwarzriesling ich wunderbar lecker und süffig finde, begrüßt mich etwas übernächtigt. Wir probieren ein paar Weine, aber die sind noch so verschlossen, dass ich einfach einkaufe und zu Hause in Ruhe verkosten werde.

Weiter geht's zum eigentlichen Anlass der Reise. Die Jahrgangspräsentation 2012 im Weingut Dreissigacker. Dort werde ich von Ute und Jochen Dreissigacker in Empfang genommen und auch während der gesamten Verkostung immer wieder freundlich und auskunftfreudig angesprochen.

Im ganzen Hof sind Zelte aufgebaut und sowohl Bänke und Tische als auch Stehtische verteilt. In Anbetracht des Wetters war es eine gute Idee, denn trotz der Sonne wehte ein recht kühler, kräftiger Wind und im Schatten wurde es recht schnell kalt. Die sonnenbeschienenen Zelte hielten den Wind draussen und man konnte die Jacke getrost ausziehen.

Bevor ich verkosten kann, ziehen mich meine Augen in das Zentrum des Hofes, wo ein Tresen aufgebaut ist. Auf der linken Seite Porzellanteller frisch befüllt von Thomas Kammeier (Restaurant Hugos, Berlin) persönlich, tatkräftig unterstützt von seiner sechsjährigen Tochter, die sehr routiniert die Kräuter auf den Fisch setzt.

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Unglaublich zarter Seesaibling (sous vide bei 46°C), Spargelschaum und frische Kräuter (ich kann mich nur noch an Vogelmiere erinnern). Yummi. Und ich Blödi hab mir nur einen Teller genommen. Das wäre übrigens auch ein perfektes Essen für den Street Food Thursday.

Auf der rechten Seite zwei große Haubengrills, betrieben von Otto Gourmet Versand. Zu denen komme ich später noch.

Auf geht's zu den Guts- und Ortsweinen. Zuerst probiere ich die drei Rieslinge durch. Stilistisch eindeutig ausgearbeitet und die Qualitätsunterschiede der einzelnen Klassifizierungen sind spürbar. Das war nicht immer so und zeigt wieder einmal, dass der 2012er Jahrgang mit den langen kühlen Reifezeiten in den November hinein den Winzern einfach Spass macht und die Weine die gewollte Stilistik aufzeigen. Allen drei Rieslingen (Gutswein, Bechtheimer und Wunderwerk) gemeinsam ist die tiefgelbe Frucht in der Nase, die immer auch einen Hauch Tropen zeigt (Banane) und eine füllige Opulenz im Mund. Auch der Kalk verweilt im Nachhall auf der Zunge.

In diesem Jahrgang kann man auch deutlicher schmecken, worin sich Westhofen und Bechtheim unterscheiden. Dazu dann aber mehr im zweiten Teil.

© Max Bareis 2013