Zwischen Giacometti und Rubens - 
Ein Weinwochenende im Wonnegau Teil 2

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Teil 1 kann hier nachgelesen werden.

Ich habe also bei der Jahrgangspräsentation vom Weingut Dreissigacker die Guts- und Ortsrieslinge durchprobiert und widme mich jetzt den Burgundersorten. Als erstes der Weißburgunder. Ich stecke meine Nase ins Glas und denke, was, das kann nicht sein: ich denke an Big-Mac-Sosse. Nase raus, Nase wieder rein. Doch, eindeutig. Mein Hirn rast, kann man sowas schreiben? Vielleicht umschreiben, mit Geruch nach Rinderbratlingen oder so, klar der lag im Fass, vielleicht ist es ja das getoastete Brot. Ich nehme meine Nase wieder aus dem Glas und da bemerke ich in der Luft ein allzu bekanntes Aroma.

Mein Blick schweift zur Quelle und ich sehe aus der Ferne, wie Nils Jorra von Otto Gourmet den Deckel des Haubengrills hebt, vor sich etwa 20 dicke Scheiben Rinderhack. Na danke. Das ist riechen unter Beschuss.

Wen wundert's, dass die Burgunder in der Nase verschlossen wirken. Trotz allem wird aber sowohl bei Weiß- und Grauburgunder als auch sogar beim Westhofener Chardonnay die Stilistik von Jochen Dreißigacker deutlich. Viel reife gelbe Frucht bis hinein ins tropische, getragen von opulenten, üppigen Körpern, erinnert an die Formen bei Rubens, ganz speziell an die Venus.

Und ich sage "sogar der Westhofener Chardonnay", weil diese Stilistik eher zum Bechtheimer Mikroklima passt, welches wärmer ist und deshalb die Trauben auch früher reifen lässt.

Nach den Guts- und Ortsweinen wend ich mich jetzt den Lagenweinen zu. Ich bin in der alten Probierstube, die inzwischen umgebaut wurde. Keine Spur mehr von der gemütlichen Holz-Eckbank mit Sitzkissen und den karierten Decken, die noch vor 3 Jahren die Atmosphäre bestimmten. Statt dessen moderne in kühler Stein- & Edelholzoptik gestylte Arbeitsflächen und eine emaillierte Küche im Retrostil. So hab ich das zumindest in Erinnerung.  

Zum Glück sind die Terassentüren geschlossen, da schafft es der Grillgeruch nicht bis zu meinem Platz in der Ecke und die fleischigen Aromen können meine Nase nicht mehr beeinträchtigen.

Die Lagenweine werden erst im September gefüllt, deshalb gibt es hier zwei Tage alte Fassproben. Natürlich sind sie allesamt noch sehr verhalten in der Nase. Interessant ist aber, dass es sowohl bei den Bechtheimer, als auch bei den Westhofener Lagen eine parallele Reihung gibt. Hasensprung (Bechtheim) und Aulerde (Westhofen) sind am verschlossensten und im Mund weniger kraftvoll als Rosengarten (Bechtheim) und Kirchspiel (Westhofen). In der gleichen Weise kann man das Verhältnis Rosengarten - Geyersberg und Kirchspiel - Morstein weiterführen. Sowohl Geyersberg als auch Morstein sind schon deutlich offener, haben einen kräftigeren, saftigen Körper und bleiben auch am längsten präsent.

Kai Kunau, der die Betreuung der Lagenweinverkostung sehr freundlich und informativ durchführt, erklärt mir, dass Aulerde, da es am tiefsten liegt, die wärmste Westhofener Lage ist und mit steigender Höhe die Lagen winddurchwehter und damit kühler werden. Das war gerade im 2012er Jahrgang ein großer Vorteil, da dort die Lese noch am längsten hinausgezögert und somit das perfekte Novemberwetter am Besten ausgenutzt  werden konnte.

Die Westhofener Lagenweine präsentieren sich insgesamt etwas schlanker, sind aber, wie auch ihre Basispendants noch deutlich opulenter als die Weine der anderen bekannten Westhofener Winzer. 

Bevor ich den 2012er Kirchspiel Silvaner probieren kann, serviert mir Kai noch eine kleine Perle. Der Riesling Geyersberg von 2007. Honig, Balsam, leichtes Petrol aber warm und eingebunden. Im Mund ausgewogen, saftig, fruchtig und sehr lange präsent. Wer ihn noch im Keller hat: er kann jetzt schon mit gutem Gewissen getrunken werden.

Vor dem Nachtisch in Form von Süssweinen, gibt's noch ein wenig Dämmmaterial für den Magen. Zuerst leckere kleine Burger (vielleicht 6 cm im Durchmesser) und dann dieses Risotto mit Meeresfrüchten und Sprossen von Thomas Kammeier. Perfekt gegarter Reis, zarter Pulpo, einfach nur zum reinlegen. 

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Im Gegensatz zum Seesaibling mit Spargelschaum, bei dem ich mir einen filigranen, schlanken Silvaner oder auch einen schlanken Riesling mit hellen Fruchtnoten gewünscht hätte, passt die Opulenz der Dreissigacker-Weine zum Risotto hervorragend.

Am Süssweinstand hatte ich richtig Spass. Nicht so sehr wegen der Weine, die fand ich fast alle zu quietschig oder marmeladig. Teilweise kratzte der Zucker im Hals. Einzig die 2005er Rieslaner Auslese präsentierte sich, wie es sich für eine Auslese gehört mit warmen, reifen Noten, kaum Petrol und fühlte sich dann auch weich und warm im Mund an. Sehr gelungen. Spass hatte ich, weil Edeltraud, die dort den Ausschank hatte, mit mir die Weine verkostete und das war ein Verkosten wie ich es liebe. Wenn das Ganze ein Forschen ist und kein Beweisen, wenn man zu Sinneseindrücken geführt wird, die einem selbst nicht im ersten Moment aufgefallen sind oder wenn man den Anderen zu ebensolchen Sinneseindrücken führt, es gibt für mich wenig Vergleichbares.

Wie im Weingut und auch auf dieser, bis auf den etwas unglücklichen Grillgeruch sehr gelungenen Präsentation unschwer zu erkennen ist, es geht weiter in Richtung Edelmarke. Jochen Dreissigacker bleibt seinem Stil treu: gefällige, mit viel Wärme ausgestattete Weine für ein breites Publikum, die aber auch in der Spitzengastronomie berechtigten Platz finden, vor allem gut zum asiatischen süss-sauer-umami-Spiel passen, welches nach deutlicher Sprache verlangt.

Am Abend sitze ich noch mit F.W. Eckold vom Kaufhaus des Wendlands auf der Terrasse des Weinguts Buschel, mit einer Flasche Grauburgunder Spätlese trocken und unterhalte mich über längst vergangene Zeiten. Der Wein würde prima zum Thema der Weinrallye #62 passen. Die Sonne scheint, das Gespräch ist unterhaltsam und der Wein fruchtig und hat einen hohen Trinkfluss. Geht auch.

Am nächsten Tag noch zu Janine Brüssel vom Weingut Scultetus-Brüssel. Beim BerlinGutsrieslingCup etwas überraschend auf dem sechsten Platz gelandet und im Verkostungsblock unter den besten 2 wird ihr Riesling Teilnehmer bei der angekündigten Nachverkostung sein. Da ich es nie schaffe nur eine Flasche einzukaufen, stell ich mir gleich noch einen anderen Weinvergleich zusammen aus Merlot, Cabernet Sauvignon und Cuvée JJ (70%CS, 30%M). Leider sind sie nicht vom gleichen Jahrgang und auch in unterschiedlichen Fässern ausgebaut. Ich hoffe es wird trotzdem interessant.

Und als ich dort so stehe und auf meine Rechnung warte, fällt mir die Wand ins Auge:

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Natürlich stellt sich beim Betrachten des Bildes ein leichtes Gruseln ein und der Gaumen erinnert sich angewidert an den Geschmack des gezuckerten Weins, der in solchen Flaschen ausgeliefert wurde. Aber der Spruch ist wieder aktuell. Rheinhessen hat eine neue Wein & Winzer Generation. Und die ist ganz schön spannend.

© Max Bareis 2013