Wenn sich die Bitterschokolade ins Zigarrenkistchen legt

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Sie hat mich ja vorgewarnt, die Iris Rutz-Rudel, als sie meinen Beitrag über Brettanomyces mit den Worten "der mir garantiert, dass er auf eine Verkostung meiner barriqueausgebauten Spontiweine gut vorbereitet ist :-)." geteilt hat.

Aber erst mal der Reihe nach. 

Mourvédre oder auch Muvedre, Monastrell, Mataro, ist eine Traube, die sehr spät austreibt. Sie braucht heißes Klima, um vollständig auszureifen. Selbst in Südfrankreich ist ihr Anbau in manchen Gebieten ein Risiko.  

Hauptsächlich wird sie als Verschnitt eingesetzt, um leichteren Weinen ein (Tannin-)Gerüst und mehr Würze zu verleihen. Am bekanntesten dürfte Ihre Beteiligung am Chateauneuf du Pape sein, aber auch der Bandol, wo sie zwischen 50% und 95% Anteil an der Cuvee stellt, hat in den letzten Jahrzehnten immer mehr Liebhaber gefunden. Inzwischen wird Mourvédre wieder vermehrt reinsortig ausgebaut und verzeichnet besonders in Südfrankreich ein stetiges Wachstum an Anbaufläche. Mourvédre soll das Thema des heutigen Vergleichs sein und dazu habe ich mir drei verschiedene Flaschen besorgt.

In ihrer ursprünglichen Heimat Alicante, wo sie vorwiegend als Fasswein verkauft wurde, ist ihre Anbaufläche in den letzten Jahrzehnten immer stärker zurückgegangen und sie wurde von modischeren Trauben (unter anderem auch Riesling) ersetzt. Telmo Rodriguez möchte diesem Trend Einhalt gebieten und hat deshalb verwilderte Terrassenanlagen mit alten Monastrell-Stöcken wiederbelebt. Al Muvedre ist Teil eine großangelegten Projektes, bei dem Rodriguez in verschiedenen Regionen Spaniens regionstypischen Wein mit hochmoderner Kellertechnik und einem Team von einem Dutzend Önologen vor Ort herstellt. Obwohl Rodriguez auf Qualität hohen Wert legt, sollen seine Weine nicht viel kosten. Der Al Muvedre 2012 wird heute am Vergleich teilnehmen.

Zwischen St. Chinian und Faugères im Languedoc liegt ein kleines verträumtes Tal, das Vallée du Jaur. Iris Rutz-Rudel baut dort seit 25 Jahren auf 2 ha Rebfläche die Weine an, die sie und ihr 2001 verstorbener Mann Claude selbst gerne trinken. Aus der Not, weder zur AOC St. Chinian noch zur AOC Faugères zu gehören, wurde eine Tugend, Weine ohne AOC-Zwang anbauen zu dürfen. Deshalb gibt es im Weingut Lisson sogar Pinot Noir. Der heute zum Vergleich anstehende Mourvèdre hingegen wurde in der Gegend schon immer angebaut, aber auch der dürfte nach AOC Vorschriften nie reinsortig ausgebaut werden. Alle Rotweine müssen hier aus mindestens vier Sorten (Grenache, Lledoner Pelut, Mourvèdre und Syrah) mit festgeschriebenen Mindestanteilen verschnitten sein. Ähnliche Vorschriften gibt es auch in Faugères. Die Weine werden spontan vergoren, ohne Einsatz von Pumpen in neue und 1-2 jährige Barriques gelegt, in denen sie auch den Säureabbau durchlaufen. Lisson stellt den ältesten Teilnehmer, einen 2002er.

70 km südlich, am nördlichen Rand des namengebenden Mittelgebierges liegt Ferrals-Les-Corbieres. Hier übernahm der Brite Christopher Spencer 2007 das recht unbekannte Château La Pujade, modernisiert seitdem mit viel Geld und Einsatz Weinberg, Keller und Produktion. Im heutigen Vergleich präsentiert sich der einzige reinsortige Mourvèdre der Cuvée Le Bosc von 2011, der erste Wein unter der Ägide des neuen Winzers, Sebastien Bonneaud, der vorher für Bernard Magrez im nahe gelegenen Carcassonne gearbeitet hat. Der Wein darf mit einer Sondergenehmigung, die auch noch für die nächsten beiden Jahrgänge gilt, als AOC Corbières verkauft werden. Eigentlich ist auch in Corbiéres eine Mindestmenge an Syrah, Grenache und Lledoner Pelut vorgeschrieben. Der Wein durchlief laut Exposé eine "natürliche Vergärung mit einheimischen Hefen bei strenger Temperaturkontrolle". Zu deutsch: Er wurde mit Weinbergs- und Kellerhefen spontan ohne Zusatz von Reinzuchthefen im Stahltank vergoren. Reifung dann im französischen Holzfass für 9 Monate.

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Der Vergleich wurde von Frau R blind und von mir offen (also im Wissen, welcher Wein in welchem Glas ist) durchgeführt. Diskutiert wurde über die Weine erst nach dem Vergleich. Alle Weine wurden mehrere Tage lang nachverkostet.

Trotz der unterschiedlichen Verkostungsarten waren wir am Ende einig, welcher Wein den meisten Trinkgenuss bereitet. Vorneweg mit deutlichem Vorsprung der Spencer La Pujade Cuvée le Bosc, der zwar in der Nase alkoholischer als die beiden anderen wirkt, das aber wieder wettmacht durch die angenehmste Frucht und den samtigsten Mund.

Freunde der animalischen Noten kommen hingegen beim Lisson voll auf Ihre Kosten. Da hat Iris Rutz-Rudel schon recht gehabt. Wenn das mal kein Brett ist. Das ganze noch garniert von den deutlichsten Schoko-Holz-Noten. Leider kann der Mund die Naseneindrücke nicht bestätigen. Im Vergleich mit dem La Pujade wirkt er kraftloser. Auch wenn er schon 12 Jahre alt ist, Mourvèdre gilt als lange lagerbar.

Hat der Al Muvedre 2011 noch das Potential gehabt, die Großen zu ärgern, zeigt der 2012, dass er doch in einer preislich deutlich niedrigeren Liga spielt. Sowohl die von allen Teilnehmern grünste Nase, als auch der schwächste Mund und kürzeste Nachhall sorgen diesmal nicht für eine Überraschung.

© Max Bareis 2013