Weinrallye #62: 5€ die Grenze des guten Geschmacks?

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Auf die Frage "Schmeckt der Wein gut?" pflegt mein lieber Schwager Delfin gerne zu sagen: "Nach dem dritten Glas schmeckt jeder Wein". Und da ich ehrlich bin, kann ich sagen, ich hab die Erfahrung auch des Öfteren machen können. Sei es auf Studentenparties, wo der Geldbeutel gar nichts anderes zulässt, als die bottiglia da due litri Chianti in Mengen zu kaufen, sei es auf der Premierenparty von "Kockowäääh 2", ausgerechnet, wo ein ziemlich ungeniessbarer Weißwein unbestimmbarer Herkunft ausgeschenkt wurde. Demnach wären nicht 5 €, sondern drei Gläser die Grenze des guten Geschmacks.

Da diese Praxis aber mühsam ist, weil man immer erst drei Gläser trinken muss, um den Wein gut zu finden und es tatsächlich Menschen geben soll, die nicht unbedingt mehr als drei Gläser trinken möchten, habe ich mich im Rahmen der diesmonatigen Weinrallye an die Grenze gewagt und selbstlos 2 Weine für unter 5€ (Oberliga) und 2 Weine der nächsthöheren Liga (Regionalliga, <10€) miteinander verglichen.

Damit ich im Falle einer akuten, vorurteilsbedingten Überbewertung schnellstmöglich korrigiert werden kann, habe ich mir einen anonym bleibenden Weinkenner unbestimmten Geschlechts in die Küche gesetzt, der die Weine blind verkosten durfte.

Einmarsch der Gladiatoren (die Flaschen sind leer, weil schon in neutrale Flaschen gefüllt):

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Von links nach rechts sind das: Avior Tinto 2011 (ab € 7,50), Cepunto Oro (ab €4,95), Pau Tinto 2011 (ab €4,95) und Ambata Mencia 2011 (ab € 8,95).

Die erste Runde bestreiten die beiden Regionalligisten

Avior Tinto vs Ambata Mencia

In der Nase erscheint der Avior als angenehmer riechend, würziger, während der Ambata spitzer, frischer, beeriger, fruchtiger aber auch teeriger und holziger empfunden wird. Im Mund wirkt der Avior lasch, aber auch wärmer, weicher und tanniniger. Der Ambata unterscheidet sich hier durch Kirschbonbonnoten und Säure. Ein Verkoster bevorzugt den Ambata, während der andere beide gleich bewertet (nicht so dolle, aber trinkbar). Endstand 1,5 : 0,5

Der Ambata muß nun für kurze Zeit den Platz verlassen und ermöglicht das Duell

Avior Tinto vs Cepunto Oro

Der Avior ist in der Nase würziger, während der Cepunto unterschiedliche Reaktionen hervorruft. Einerseits wird er als kräftiger, voller, tabakiger empfunden, andererseits tritt er auch grüner und holziger auf. Im Mund wirkt der Avior dann wieder weicher/lascher und tanniniger, während der Cepunto als kräftiger, vollmundiger aber auch mit jüngeren Tanninen, bitterer im Abgang und sogar wässriger empfunden wird. Die Partie endet 1:1, jeder Wein hat einen Bewunderer.

Die letzte Partie der ersten Runde bestreiten dann

Avior Tinto vs Pau Tinto

Der Avior wird in der einen Nase als würziger und fruchtiger empfunden, der Pau als holziger und tabakiger, während die andere Nase den Pau als voller und aromatischer empfindet. Im Mund dominiert übereinstimmend die Holzigkeit des Pau, er wirkt reifer, während der Avior als jünger empfunden wird. Auch diese Partie endet 1:1 unentschieden.

Der Avior hat seine Schuldigkeit getan, er verlässt enttäuscht den Platz. Auf dem folgt jetzt der Vergleich

Ambata Mencia vs Cepunto Oro

In der Nase gibt es diesmal sich widersprechende Empfindungen. Beide Weine werden (jeweils von einem Verkoster) als fruchtig/kirschig empfunden, der Ambata auch als tabakiger, während ein Verkoster den Cepunto als kräftiger riecht. Die Verschiedenheit setzt sich auch beim Mundgefühl durch, auch hier ein Kirschbonbon beim Ambata im einen Mund dafür der Cepunto grüner und tanniniger, während der andere Mund den Ambata als flacher empfindet und den Cepunto beeriger und voller. Einigkeit herrscht nur bei der Einschätzung, dass der Cepunto tanniniger ist. Auch hier wieder 1:1 unentschieden.

Es folgt die Partie

Ambata Mencia vs Pau Tinto

Der Ambata wird als weicher und fruchtiger, aber auch als flacher und schwächer empfunden, während der Pau grüner, mit jüngerem Holz aber auch voller wirkt. Im Mund ist der Ambata leichter, fruchtiger und bonboniger, der Pau schwerer, würziger, tanniniger, rotweinartiger. Wie nicht anders zu erwarten endet die Partie 1:1

Und zu guter Letzt noch der Vergleich der beiden Oberligisten

Cepunto Oro vs Pau Tinto

Übereinstimmend die fruchtigere Nase des Cepunto hier aber auch muffiger und teeriger gegenüber der holzigeren und tabakigeren Nase des Pau, die hier auch noch leichte Klebstoffnoten bekommt. Im Mund ist der Cepunto angenehmer, ausgewogener und voller, der Pau saurer, rotweinartiger und spitzer. Endlich mal ein eindeutiges Ergebnis: der Cepunto Oro gewinnt mit 2:0.

Was bleibt?

Sieger des Turniers ist mit 4 Punkten der Cepunto Oro, gefolgt vom Ambata Mencia 0,5 Punkte dahinter. Den dritten Platz teilen sich Avior Tinto und Pau Tinto. Es ist stark zu vermuten, dass hier die Tagesform entscheidend war. Es gab deutliche Diskrepanzen bei der Bewertung und Bezeichnung der Unterschiede. Was der eine Verkoster lasch und langweilig fand, wurde vom anderen Verkoster als weich und rund empfunden.

Ich will aber noch betonen, dass die Unterschiede nicht wirklich gravierend sind. Als Alltagsweine sind alle vier eine gute Empfehlung. Wer mehr auf kräftige, würzige Weine steht, sollte sich für Ambata oder Pau entscheiden, während der Cepunto mit Fruchtigkeit glänzt, aber auch grün und tanniniger wirken kann. Der Avior ist wohl der leichteste und weichste und somit für Parties am Besten geeignet.

Alle Weine können bei Wein & Vinos gekauft werden, den Avior und den Ambata kriegt man auch noch in der Tapas Bar in der Markthalle IX in Berlin-Kreuzberg, da kann man gleich ihre natürlichen Verbündeten dazu essen.


Die Weinrallye ist ein Blogevent, das jeden Monat einmal stattfindet (in der Regel am letzten Freitag im Monat). Einer der teilnehmenden Blogs übernimmt die Führung, bestimmt das Thema, lädt ein, verlinkt die Beiträge und erstellt eine Zusammenfassung


Diesmal wird die Weinrallye vom Blog drunkenmonday durchgeführt.


Sinn und Zweck einer Weinrallye ist einzig und alleine der Spass und die Motivation, schöne Themen aufzuarbeiten. Bei der Weinrallye darf jeder mitmachen, egal ob Weinblogger oder nicht. Auch Nichtbloggern bieten die Gastgeber immer die Möglichkeit ihre Beiträge auf ihrem Blog zu veröffentlichen. Allgemeine Informationen und Logos findet man auf den entsprechenden Seiten von Thomas Lippert (dem Gründer des Events) auf Winzerblog:http://winzerblog.de/weinrallye/ Wer gerne einmal selbst als Autor/Themengeber mitmachen möchte, findet alle Infos und die kommenden Themen auf der Weinrallye Seite bei mixxt (Registrierung erforderlich). http://weinrallye.mixxt.de/

© Max Bareis 2013