Verticale en miniature

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Heute, einen Tag vor dem Vinocamp in Geisenheim gibts noch 'nen kurzen, knackigen Vergleich. Im Glas zwei Jahrgänge des von mir hoch geschätzten Schwarzriesling von Marc Weinreich. Den 2011er konnte ich bei meinem Besuch leider nicht wirklich verkosten, da hatte ich einfach noch zu viel vor. Aber jetzt stehen sie beide vor mir und ich freue mich schon sie nachher auf dem Balkon beim heute sehr schönen Sonnenuntergang vor mich hin zu süffeln.

Vorher steht aber noch die Arbeit. Der Schwarzriesling gilt als Urvater der Burgunderfamilie, also auch als Vorfahr des Spätburgunders, hat mit dem Riesling nur den Namen gemein und ist den meisten wenn überhaupt, entweder als Dämmerschoppen aus der Literflasche (Württemberg) oder als Teil der Champagnercuvée (in der Champagne wird er auf ca. 30% der Fläche angebaut) bekannt.

Marc Weinreich behandelt ihn aber nicht stiefmütterlich oder nimmt in als Grundwein für den Cuvéesekt sondern baut ihn stolz wie einen Spätburgunder aus. Angebaut auf Lehm/Löss-boden mit hohem Kalkanteil reifen die Beeren in den besseren Lagen im vergleichsweise warmen Bechtheim. Im Sommer werden die Trauben konsequent halbiert, um der Rebe die Möglichkeit zu geben sich voll und ganz auf die übrigen Trauben zu konzentrieren und diese mit dem zu füllen, was Grundlage für intensive Frucht und Körper sein wird. Er legt ihn 12 Monate ins große Fass, zu 20% auch ins Barrique-Fass, beide in Drittbelegung oder älter. Heraus kommt ein wunderbarer Sommerwein, nicht ganz so würzig, kräftig wie Spätburgunder, dafür aber mit deutlich höherem Trinkfluß.

Und hier der Vergleich (für alle, die das langweilt: unten gibt's jetzt ein Fazit):

Farbe:
Der 2010er ist etwas trüber und brauner als der 2011er, der klarer und kirschroter im Glas steht.

Nase:
Direkt nach dem Öffnen sind beide noch recht verschlossen. Der 2010er ist muffiger, animalischer während beim 2011er eine kirschigere Frucht zu bemerken ist. Nach einer halben Stunde (ich hab immer noch nicht getrunken) kommt der 2010er langsam aus den Puschen und wirkt jetzt pflaumiger als der 2011er. Die unterschiedliche Holznote ist aber immer noch vorhanden. Der 11er wirkt etwas frischer, tabakiger, während der 10er derber riecht.

Mund:
Der 2010er zeigt sich etwas körperreicher, pflaumiger und würziger, während der 2011er schlanker und mineralischer schmeckt. Der 11er hat einen höheren Trinkfluss, der 10er ist dafür besser für den Kamin geeignet.

Nase im leeren Glas:
Der 11er präsentiert sich hier deutlich kräftiger, zedernholziger mit fruchtigeren Noten.

Fazit:
Der Vergleich hat sich allemal gelohnt. Die an den Spätburgunderausbau angelehnte Verarbeitung ergibt hier einen spannenden Wein, den ich sicherlich die nächsten Jahre weiter verfolgen werde, wenn ich es tatsächlich schaffe, ihn liegen zu lassen. Wenn er sich so weiterentwickelt, dann kann ich ihn mir auch gut im Winter vorstellen.

Aber jetzt setz ich mich auf den Balkon und süffel vor mich hin. Sagt der Balkon: "nö du, haste dir so jedacht, kannst einfach kommen wann de willst oder was? Dir ham se wohl mit dem Klammerbeutel gepudert. Dit jeht jetzt nich mehr, da hat sich grad der Regen hingesetzt." Was für ein Sommer...


© Max Bareis 2013