Terroir - Lage - Cru ja wat denn nu?

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Quelle: Weinlagen-Info

Zur Zeit wird in den Weinforen und -blogs das Thema Lage wieder einmal heiß diskutiert. Auslöser war neben der Wurzelwerk-Präsentation auch die alljährliche Tournee der besten Weine des VDP.

Die besten Weine der VDP-Winzer

Die werden Große Gewächse genannt und sind die trocken ausgebauten Weine von einer VDP-Große Lage, hergestellt von einem VDP-Winzer mit max. 50 hl/ha Ertrag, die frühestens am 1. September des auf die Lese folgenden Jahres verkauft werden dürfen. Im Rheingau heißen sie Erste Gewächse kommen aber auch von einer Großen Lage und haben die gleichen Auflagen. Das nur zur Verwirrung. Zentrales Vermarktungsinstrument ist hier aber auch die Lage.

Und immer um den ersten September zieht der VDP-Tross durch die Lande und stellt eben diese großen Gewächse aus allen Trauben, insgesamt ca. 400 Weine dem Fachpublikum vor.

Wurzelwerk - 3 Weingüter, 3 Lagen, 9 Weine

Beim Experiment Wurzelwerk haben vier Winzer von drei Weingütern einen Teil ihrer Ernte ihrer besten Lage gedrittelt und jeweils ein Drittel den anderen Beiden zur Verarbeitung gegeben. Alle wurden spontan vergoren und so vergleichbar wie möglich (Edelstahl) vinifiziert. Ausführliche Berichte zu dem Experiment finden sich beim Schnutentunker und von berlinkitchen im weinforum mit sehr, sehr vielen interessanten Diskussionsbeiträgen. Die Links und möglicherweise noch aktuellere finden sich auf dem drunkenmonday Blog, die die Berliner Präsentation in der Weinbar Rutz organisiert haben. 

Ich hatte das Glück einen Tag später in der Weinbar Rutz die Weine einer Lage probieren zu dürfen und habe mich für den Scharzhofberg, der auf den Etiketten als Schatzberg bezeichnet wird, entschieden. Und ohne jetzt viel über die drei Weine zu sagen und welcher mir am meisten zugesagt hat, eins kann ich klar sagen: Sie haben sich sowohl in der Nase, als auch im Mund deutlich unterschieden.

Felix Bodmann (Schnutentunker) schreibt in Blog und Forum, dass die Lage auch zu unterscheiden wäre und er lagentypische Aromen wahrgenommen habe. Und auch andere Diskussionsteilnehmer sagen, dass sie Lagen, die sie viele Jahre lange verkostet hätten blind voneinander unterscheiden könnten.

Wie kommt es überhaupt zur Abgrenzung der Lage? Weshalb werden sie in verschiedene Stufen gepackt? Und was macht das Terroir dabei? 

Das Konzept Terroir wurde in den 1920er Jahren in Frankreich verwendet, um in der Diskussion über die Klassifikation von Weingebieten, Lagen und Weingütern alle die Kriterien zusammenzufassen, die notwendig sind, um Gebiete voneinander abgrenzen zu können. Dazu gehören in allen Fällen neben geologischen auch makro-, meso- und mikroklimatische Bedingungen. In die Definition der neu entstehenden Appellationen flossen aber auch die erlaubten Rebsorten, weinbautechnische Kriterien wie Maximalertrag, erlaubte oder verbotene Säuerung, Chaptalisierung etc. Jede Appellation hat dabei ihr eigenes Terroir definiert.

Bezogen auf den Cru (Lage, Gewächs) ging es bei der Abgrenzung um die Qualität des Weines, nicht um seine Charakteristiken. Lagen, die über Jahre hinweg höherwertigen Wein hervorgebracht hat, als ihre Nachbarn wurden dementsprechend höher eingestuft. Lagen die auf Grund ihres Terroirs qualitativ ähnliche Weine erzeugt haben, wurde auch gleich eingestuft.

Eine große Lage ist also nichts anderes, als ein Stück Weinberg, der über Jahre hinweg besseres Traubenmaterial als seine Nachbarn hervorbringt.

RED SIMON - Wein aus Südafrika

Die Frage ist aber, was macht der Winzer aus dem Potential der Lage?

Ich hab einmal zu Studentenzeiten in einem sehr einfachen Restaurant ein Filetsandwich auf der Karte gefunden, das hat nur 5 Mark gekostet und ich hab gedacht, "oh, das probierste mal aus, das kannste Dir mal leisten". Es war grauenvoll. Das Filet war trocken und ledrig, die Mayonnaise zu sauer und das Brot nicht genug getoastet. Das Potential war da, aber das Material muss auch dementsprechend bearbeitet werden.

Das gilt auch und besonders bei der Vinifizierung. Die Lage mag vielleicht "erschmeckbar" sein, ihr direkter Anteil an der Ausbildung von Aroma, Körper, Struktur, Ausgewogenheit u.a. ist jedoch gering. Da ist die Stilistik eines Winzers, die sich aus den durchgeführten und aus den nicht durchgeführten Maßnahmen ableitet, viel deutlicher zu erkennen. Eine Lage muss herausgearbeitet werden.

Welche Rolle spielt die Lage beim Einkauf oder der Auswahl aus dem Keller?

Aus meiner Sicht des Konsumenten ist z.B. bei der Wahl eines Weines für ein Essen die Lage auf der der Wein gewachsen ist nachrangig. Als erstes frage ich mich, welche Traube könnte denn am besten passen und wie sollte die ausgebaut sein. Dann überleg ich in welchem Anbaugebiet und bei welchem Winzer die Charakteristiken der Traube, die mit dem Essen harmonieren oder es kontrastieren sollen, besonders passend hergestellt werden.

Danach kann ich im Normalfall mit der Auswahl der Lage eine Feinjustierung hinsichtlich Qualität vornehmen. Dabei muss die Komplexität und Qualität in direktem Zusammenhang zur Komplexität und Qualität des Essens stehen.

Bei der Auswahl eines Abendweines gehe ich im Prinzip genauso vor. Zuerst wähle ich die Grundcharakteristik des Weines. Dann kommt wieder die Reihenfolge Traube, Anbaugebiet/Winzer, Lage/Qualität.

Wie passt das jetzt zusammen?

Gar nicht. Wenn ich wissen will, was Deutschlands beste Weine sind und mir dann eine Veranstaltung wie die Jahrgangspräsentation der GGs des VDP anschaue, dann graust es mir schon allein bei der Vorstellung 400 Weine in zwei Tagen verkosten zu müssen. Ich hab's bisher noch nicht gemacht und kann deshalb auch nicht drüber reden, aber das übersteigt sicher alle meine Kapazitäten und verdirbt mir den Spass am Wein verkosten.

Dazu kommt noch, dass es mindestens doppelt so viele Weine gibt, deren Traubenmaterial von diesen Lagen kommt, deren Winzer aber nicht im VDP sind. Wenn ich als Konsument die Botschaft aufgreife: "Die Lage ist alles, der Winzer Nebensache", dann muss ich die auch noch in meine Überlegungen mit einbeziehen.

Ich wünsche mir ein System, dass es mir möglich macht, auf einen Blick die zehn besten Rieslingwinzer Deutschlands zu finden. Genauso die zehn besten Silvanerwinzer usw. Unter den zehn werde ich mit Sicherheit die 2-3 finden, deren Weine mir am besten schmecken. Und wenn die dann ihre Weine höchstpreisig vermarkten, auch recht. Dann abstufend immer größere Gruppen von Winzern, die dann auch in den entsprechenden Preiszonen ihre Weine vermarkten können.

Das würde das Pferd von vorne aufzäumen und könnte durchaus den Markt für Qualitätswein vergrößern. Und davon würden wir alle profitieren.

© Max Bareis 2013