Gutsrieslinge 2012 ganz frisch eingetroffen - Ein Teilnehmerbericht vom Gutsriesling Cup 2013

Adam

Martin Zwick (berlinkitchen) veranstaltet alljährlich in Berlin den Riesling Cup und seit neuestem auch den Gutsriesling Cup. Nachdem ich Martin erst vor kurzem kennen- und schätzen gelernt habe (bei einer Weinprobe beim Schnutentunker und darauf folgend beim Street Food Thursday), war es mir eine besondere Ehre, einen frei gewordenen Platz beim diesjährigen Gutsriesling Cup von Martin angeboten bekommen zu haben.

Gutsriesling??? Was ist das denn? Ist das mal wieder 'ne neue Klassifikation? Was hat sich der VDP da wieder ausgedacht?

Keine Sorge, Gutsriesling ist einfach nur eine Vermischung von Gutswein und Riesling. Für alle, die sich nicht mit den neuen deutschen Weinklassifikationen auskennen, schreib ich noch einmal eine kleine Zusammenfassung. Alle anderen können einfach einen Absatz weiterspringen.

Nach VDP klassifizierte Weine (andere Winzer, die nicht im VDP sind, haben die Klassifizierung aber auch übernommen) werden in vier Qualitätsgruppen unterteilt. Der beste Wein von der besten Lage wird als Große Lage bezeichnet, danach folgen die Erste Lage, der Ortswein und schließlich, als Basis der Qualitätsweine und Aushängeschild des Winzers, der Gutswein. Darüber hinaus gibt es noch die Brot-und-Butter- oder auch Terassenweine, die meist im Liter angeboten werden und ohne die der Winzer nicht überleben würde. 

Beim Gutsriesling-Cup kommen also auschließlich Gutsweine auf den Tisch und hier auch nur ausschließlich Riesling. Die Weine werden blind verkostet und nach dem 100 Punkte-Schema benotet. Dann werden von allen Teilnehmern die Noten eingesammelt und ein Durchschnittswert gebildet. Aus diesem Durchschnittswert ergibt sich die Reihenfolge. Es ist deshalb völlig wurscht, ob ich insgesamt höher oder niedriger als andere bewerte, Hauptsache ich habe die Weine in der richtigen Reihenfolge und mit dem richtigen Abstand bewertet.

Ich sitze in Martins "Weinsalon" zusammen mit 12 anderen Weinarbeitern und -enthusiasten an einem wunderschönen, großen, schwarzen Tisch, vor mir zwei Weingläser und ein Glas für das Wasser, neben mir die Mappe für die Notizen und Bewertungen. In der Mitte des Tisches steht schon geschnittenes Baguette bereit.

Wir starten zwar bei Tageslicht, aber eine gewisse Unruhe ist zu verspüren, es sind dreißig Weine zu verkosten und in weniger als vier Stunden beginnt das Halbfinalrückspiel zwischen dem FC Barcelona und den Bayern. Rechtzeitig fertig werden ist die Devise und Martin, in seiner ruhigen, charmanten Art, weiß die Gemüter von vornherein zu beruhigen.

Damit wir nicht nach Namen und Etikett, sondern nur nach Geschmack urteilen, hat Martin die Weine in Pappen eingewickelt. Das öffnet natürlich auch den kleinen Streichen Tür und Tor und ehe man sich's versieht, ist plötzlich ein Kuckucksei/Pirat drunter. Diesmal war es gleich der erste Wein, bei dem ich im ersten Moment dachte, huch, seit wann kann Riesling so deutlich nach Cassis riechen? Am Tisch fällt das Wort Katzenpipi. Das können doch nur der Sauvignon Blanc und die Scheurebe. Wie sich hinterher herausstellte, war's gar kein Kuckucksei, sondern nur 'ne Verwechslung im Kühlschrank, da stand der Riesling von Katharina Wechsler direkt neben ihrer Scheurebe. Und die hat dann den Weg unter die Pappe gefunden.

Gleich beim nächsten dann die gelbe Frucht in der Nase, ein wenig Feuerstein/Schwefel noch, eben frisch abgefüllt. Trotz allem auch am Gaumen präsent, griffig und langanhaltend. Und so ähnlich ging das den ganzen Abend weiter. Ab und zu ein Stinker, hier und da etwas lasch im Mund, aber insgesamt sehr spannende und interessante Weine, die in dieser Form allemal taugen, um Einsteigern die Vorzüge eines aufwändig hergestellten, hochwertigen Weines zu präsentieren.

Wer jetzt eine persönliche Empfehlung oder eine detaillierte Angabe über meine Verkostungsnotizen erwartet, den muss ich leider enttäuschen und verweise ihn lieber auf die Rangliste (Link am Schluss des Artikels). Beim Pinard de Picard vom Keller sollten Böckserempfindliche besser nicht zugreifen, ich selbst bin bei so etwas sehr empfindlich. Ansonsten sind die ersten zehn Weine durchweg empfehlenswert und spannend.

Ihr merkt, ich scheue mich, meine Notizen zu veröffentlichen. Das hat nichts damit zu tun, dass ich mich ihrer schäme, oder Angst davor habe, ein Aroma nicht im Wein gefunden zu haben, welches alle anderen riechen. Das ist mir völlig egal. Wer mich kennt, weiß, dass ich es mir nicht nehmen lassen, anderen meine Empfindungen zu erzählen und die Aromen beim Namen zu nennen. Aber das nur im Gespräch und wenn mein Gegenüber auch die Chance hat den Wein zu riechen und zu schmecken.

Vielmehr stören mich die immer gleichen Verkostungsnotizen und Weinbeschreibungen, die, je mehr es davon gibt, unübersichtlicher und damit unverständlicher werden. Wenn ich zum zwanzigsten Mal lese, ein Wein rieche nach Weinbergspfirsich, dann brauch ich Differenzierung, um eine Kaufentscheidung treffen zu können. Ich möchte wissen, welcher am stärksten (oder am schwächsten, ausgewogensten usw.) nach Weinbergspfirsich riecht.

Da sieht es mit dem Weinvergleich schon anders aus. Über die Unterschiede liesse sich deutlich machen, welcher Wein was am Besten kann.

Ich sehe auch, dass es derzeit noch keine praktikable Alternative gibt, um Verkostungen mit mehr als sechs Weinen durchzuführen. Der Round-Robin-Vergleich zum Beispiel würde bei 30 Weinen (das wären 435 Flights*) die Sinne komplett überfordern . Da könnte man höchstens über die Einführung einer Wein-Bundesliga nachdenken, bei der übers Jahr verteilt jeder Wein einer bestimmten Liga gegen jeden anderen Wein antritt. Natürlich in unterschiedlichen Staffeln und mit Auf- und Abstieg innerhalb des Jahres. Oder so.

Hinzu kommt, dass selbst in dem kleinen Zeitraum von vier Stunden die Umgebung sich so stark ändern kann, dass der Verstand die unterschiedliche Wahrnehmung nicht mehr ausgleichen kann. Zum Beispiel waren im ersten Block die rechten Gläser immer mit einem helleren, ins grünliche gehenden Wein gefüllt, die linken waren tendenziell im gelben Farbspektrum. Im dritten Block, war es aber vorbei mit Tageslicht und die Weine sahen unter der (sehr imposanten) Tischlampe völlig anders aus. Ich hätte niemals sagen können, ob die grünlich schimmernden Weine denselben Farbton und Helligkeit hätten, wie die bei Tageslicht betrachteten.

Dann ist es nach meinem Empfinden auch ein Unterschied, in welchem Block ein Wein verkostet wurde. Ich zumindest war am Anfang noch recht zurückhaltend mit den Bewertungen und ich kann mir vorstellen, dass es anderen ähnlich ging. Nachdem ich nämlich meine Notizen noch einmal durchgesehen habe, ist mir aufgefallen, dass der Wittmann bei mir als Fruchtbombe mit sehr reifer gelber Frucht, ausgewogen, deutlicher Säure, opulent beschrieben ist. Für mich ein Garant für die oberen Plätze, aber ich führe ihn selbst nur auf Platz 10 (insgesamt ist er auf 8).

Unter den ersten vier Plätzen waren bei der Verkostung auch drei direkt hintereinander, die Weine 14, 15 und 16, also genau in der Mitte der Verkostung.

Ich weiss, das sind alles Details, die am Ergebnis nicht wirklich etwas verändert haben. Die Sieger sind das verdient geworden und wie gesagt, wenn man die Top-Ten durchprobiert, wird man viel spannendes erleben können.

Vielleicht ist das alles auch bloß Zufall, aber ich würde trotzdem gerne noch einmal die 2 besten aus jedem Block blind gegeneinander vergleichen. Das wären dann aus Block 2 A.J. Adam und Keller "Edition Pinard de Picard", aus Block 3 Bürklin-Wolf und Scultetus-Brüssel und aus Block 1 Julian Haart und Wittmann. Bei sechs Weinen sind das auch mal 15 Flights. Wer hat Interesse?

Ach ja, den Anpfiff haben wir nur knapp verpasst, kurz vor neun waren alle Ergebnisse eingetütet und der Gewinner stand fest:

http://www.dasweinforum.de/viewtopic.php?f=29&t=2588#p57022

*Bei der Verkostung waren immer 2 Weine gleichzeitig in jeweils einem Glas; das nennt man dann Flight. Insgesamt hatten wir 30 Weine in 15 Flights, aufgeteilt in 3 Blöcke à 5 Flights. Nach jedem Block wurden die Punkte vergeben.



© Max Bareis 2013